In den Kellerräumen des Geschäftshauses von Fritz Schaumann, an der Ecke Galgengasse / Judengasse in Rothenburg ob der Tauber, befindet sich ein privates Museum das die Geschichte der mittelalterlichen jüdischen Gemeinde mit dem Gelehrten Rabbi Meir ben Baruch anschaulich darstellt. Ein kleines, aber mit Liebe zum Detail ausgestattetes Museum in den ehemaligen Lagerräumen des Farbenhauses Schopf, gegenüber dem Juden-Tanzhaus und dem Rabbi Meir Gärtchen. Das Gedenken und die Nähe zur Wirkungsstätte des berühmten Talmud-Gelehrten brachte Fritz Schaumann auf die Idee zu der Darstellung jüdischen Lebens in der Zeit um 1300. Die Gewölbe wurden vom Besitzer und Initiator der Ausstellung persönlich ausgemalt und mit Szenen aus dem Leben des “Maharam“ genannten Gelehrten bereichert. Im Foto: die Galgengasse mit dem Weißen Turm, dem Juden-Tanzhaus rechts, dem Rabbi Meir Gärtchen davor und dem Geschäftshaus rechts, in dem sich das Museumsgewölbe befindet.
In diesen uralten Gewölben am Anfang der Judengasse lebt die
Geschichte der jüdischen Gemeinde um das 13.Jahrhundert wieder auf. Es ist die
Zeit der liberalen Stauferkönige und –kaiser, die sich auf dem Bergsporn der
heranwachsenden Stadt einen Wohnsitz, ihre „Pfalz“ erbaut hatten. So beschreibt
es Fritz Schaumann und verweist auf ein beginnendes Jahrhundert des Geistes, in
das hinein sich das Fürstenland, das Städteland Franken und auch die
Reichsstadt Rothenburg geradezu modern entwickeln konnte. An der Kreuzung
zweier wichtiger Handelsstrassen gelegen, war die Stadt bereits auf 5.000
Einwohner angewachsen, darunter 500 Bewohner jüdischen Glaubens. Sie waren
wohlgelitten und als geschätzte Handelsleute nahe dem Marktgeschehen zentral
angesiedelt. Die aufblühende Stadt- und Lebensgemeinschaft war wohl der Anlass
für den bedeutendsten Zeitgenossen mosaischen Glaubens, sich hier
niederzulassen.
Die erste Synagoge befand sich am Milchmarkt dem heutigen
Kapellenplatz, ein Kupferstich um 1762 ist im Reichsstadtmuseum zu sehen und im
Ausstellungskatalog, der Link folgt weiter unten. Fotos: Faltblatt des Museums mit
Erläuterungen zum Rundgang und die ehemalige Synagoge am Milchmarkt, später
Marienkapelle.
Rabbi Meir Ben Baruch, geb. 1215 in Worms, gest. am 2.Mai 1293
in Wasserburg, wurde liebevoll Maharam genannt, war Mitglied einer
hochgeschätzten Gelehrtenfamilie. Mit 12 Jahren begann er schon in Wien mit seinen
Studien, die er in Würzburg, Mainz und Paris 10 Jahre lang bei berühmten
Talmud-Tosafisten fortsetzte. Im Jahre 1242 musste er die Judenverfolgung und
Talmudverbrennung miterleben. Mit 30 Jahren kam der Rabbi nach Rothenburg, wo
er eine Jaschiwa gründete und wo er über 40 Jahre lang seine Schüler
unterrichtete, um sie schließlich als Gelehrte in die ganze, damals bekannte
Welt zu schicken.
Seine Bildungsstätte, die ihm die heranwachsende Stadt
bereitstellte und die nur wenige Schritte vom Museum entfernt lag, umfasste 21
Schulzimmer, dazu Räume für die große Anzahl seiner Schüler, sowie ein
Bet-Midrasch und die Synagoge. Um 1400 zog die jüdische Gemeinde um, baute das
2. Judentanzhaus am Weißen Turm und 1404 eine neue Synagoge am Judenkirchhof,
der 1958 in Schrannenplatz umbenannt wurde. Fotos: 1-Ausstellungsgewölbe,
Handel und Wandel in der mittelalterlichen Stadt. 2-Rabbi Meir vermittelt
seinen Schülern sein Wissen. Fritz Schaumann erläutert die Darstellung.
Beim Rundgang im Museumsgewölbe, das vom Geschäftsraum aus
über eine Treppe zugänglich ist, werden an Hand eines Faltblattes
Beschreibungen zu den einzelnen Installationen gegeben. Dazu heißt es: Im
ersten Gewölberaum vermittelt Rabbi Meir ben Baruch seinen gelehrigen Schülern
sein allumfassendes Wissen. Seine Lehrsätze, die sogenannten Responsen, haben
für die Judenheit in der Welt größtenteils noch heute Gültigkeit wie vor 750
Jahren. Mehr als 1.500 Responsen zu Lebens- und Rechtsfragen hat er verfasst,
sie legen die Vorschriften des Talmud für den Alltag aus. Das nächste
Gewölbegelass veranschaulicht “Handel und Wandel“ in der mittelalterlichen
Stadt.
Die jüdischen Handelsleute spielen dabei eine erhebliche Rolle. Wegen des päpstlichen Zinsverbotes für Christen fällt den Juden das aufkommende Geldverleihgeschäft zu. So übten die Juden neben dem Warenhandel eine Art Bankenfunktion aus. Kaiser, Könige und der gasamte Adel verschulden sich bei den Juden. Fotos: Faltblatt des Museums, Austellungsgewölbe mit Rudolf von Habsburg und ein Weblink zum Leben und Umfeld von Rabbi Meir in Rothenburg, von Mirjam Lübke.
In einem weiteren Kellergewölbe möge man die große Tragik
und das bittere Leid jüdischer Mitbürger nachempfinden, die ebenso wie ihr
verehrter Maharam Rabbi Meir der Verfolgung ausgesetzt waren und den Tod
erleiden mussten. 500 Rothenburger Juden flüchten in die Kaiserburg um Schutz
zu suchen und kommen grausam um. Der Massenmörder von 1298 war ein Ritter
Rintfleisch von Röttingen, der mit einer Rotte Gleichgesinnter durch das
Taubertal und die Städte Frankens zog um alle Juden zu erschlagen. Auf diese
Art entledigte man sich seiner Gläubiger. Es war dies die Zeit nach den
liberalen Staufern, 1286 als Rudolf I. von Habsburg die bislang wohlgelittenen jüdischen
Mitbürger zu Leibeigenen der Staatskasse machte, zu Kammerknechte (servi
camerae) und sie mit hohen Steuern belegte.
Rabbi Meir versammelte seine
Glaubensbrüder, um mit ihnen nach Palästina auszuwandern. Er wurde nach Überqueren der Alpen, als Anstifter der
Auswanderung gefangen gesetzt, zuerst in der Feste Ensisheim und dann später in
Wasserburg eingekerkert und starb nach Jahren 1293 im Verlies. Um 1307 gelang es
endlich dem jüdischen Minnesänger und Freund, Alexander ben Salomo genannt Süßkind Wimpfen, gegen ein hohes Lösegeld von mehr als 20.000 Pfund Silber, die
Gebeine Rabbi Meirs freizukaufen, um sie in Worms am Friedhof Heiliger Sand zu
bestatten.
Sein Wohltäter Süßkind, der vermutlich in Wimpfen geboren ist, starb im Herbst 1307 und ruht selbst neben ihm. Ihre Gräber sind heute noch
gleichsam eine Pilgerstätte, wie an ungezählten Gedenksteinen von Besuchern zu
erkennen ist. Im Reichsstadtmuseum Rothenburg befindet sich eine bedeutende Judaika
Sammlung, mit einer Pogrom-Gedenktafel vom Juni 1298. (
Das russische Wort pogrom
heißt eigentlich "Verwüstung,
Unwetter" und wird nicht mit der lat.
Vorsilbe Pro- gebildet). Fotos: Installationen im
Kellergewölbe und Ausstellungsvitrinen im Eingangsbereich des Museums.
Während der Rundgang des Museums in den abgedunkelten
Kellerräumen stattfindet, sind im Eingangsbereich zur Ausstellung einige
interessante und wertvolle Stücke zu sehen. In Vitrinen werden eine Menorah 7
armig und eine 9 armig gezeigt, Thora mit Mantel, Gewänder, eine Kachel aus
einer Synagoge, sowie eine seltene Öllampe. Eine Sabbatlampe mit Judensäge zum
Einstellen der Höhe, ein Tallit-Gebetsschal, Jad-Thorazeiger, ein Vorhang vor
dem Thoraschrein und vieles mehr. Ein Wandschrank zur Aufbewahrung der
Thorarolle, sowie Stücke aus Synagogen und Familiennachlass. Alles in allem,
eine gelungene und sehenswerte Präsentation der Familie und ihres Seniorchefs
Friedrich G. Schaumann, den wir hier im Bild sehen.
Die historische Judaika-Installation in den alten Gewölben
der beginnenden Judengasse “Am Weißen Turm“, direkt gegenüber dem
Juden-Tanzhaus in Rothenburg o.T. mit Eingang Judengasse, hat Öffnungszeiten
von:
Montag bis Freitag: 10.00-12.00 und von 14.00-18.00 Uhr.
Samstag und Sonntag nach Absprache via Telefon oder eMail Kontakt.
Schopf-Teppiche: Galgengasse 3, 91541 Rothenburg o.T., Tel.: 09861 942330, Mail: info.schopf at t-online.de
Die Gewölbe sind für jedermann kostenfrei zugänglich!
Die Beschreibungen zur Ausstellung von Fritz Schaumann wurden ergänzt von Leo Wirth,
der auch die Fotos machte. Im Bild eine der Vitrinen mit schönen Ausstellungsstücken, leider nicht
ohne Glas und Reflexionen zu machen. Sowie das Rabbi
Meir Gärtchen am Juden Tanzhaus, neben dem Weißen Turm, gegenüber dem Museum. Hinter der Mauer führt
die Judengasse vorbei und der Blick geht auf das Geschäftshaus mit dem
Museumseingang.
Follow the Link to version of english, please: http://blogreiter.typepad.com/blogreiter/jewishrothenburg.html
Fotos: © Leo Wirth, Fritz Schaumann, Sammlung Reichsstadt-Museum.
Leo Wirth im Blogreiter Weblog tschuess
Weiterführende Links und Literatur zum Thema Jüdisches Leben in Rothenburg gibt es:
Bei - der UNI-Trier, Juden im Mittelalter, eine Zeitleiste zur Geschichte.
Beim Verlag T. Bautz, Kirchenlexikon - Meir ben Baruch, Band V von P.G. Aring.
Bei - Alemannia-judaica - ein Verzeichnis Jüdischer Museen und eine Chronik der Mittelalterlichen jüdischen Gemeinde in Rothenburg.















